Deutschland und die Schuldenkrise
[Artikel von Dirk-Jan van Baar in der niederländischen Volkskrant vom 27. Januar 2011; Übersetzung Maria Trepp]
Der Historiker Dirk-Jan van Baar kann sich gut vorstellen, dass die Deutschen es satt haben, wiederholt die Schulden von anderen zu bezahlen. Doch müssen sie jetzt anerkennen, dass die EU eine Schuldengemeinschaft geworden ist.
„Nach den Niederlanden kennt Deutschland ihn nun auch: den Wutbürger, das Wort von 2010. Ehrlich gesagt bin ich [D-J van Baar] dieser Variante des Spießbürger noch nicht in der Wirklichkeit begegnet. Zwar ist der deutsche Steuerzahler für seine harte Arbeit und seinen Hang zur Ordnung bekannt, aber während meiner Besuche im „neuen Deutschland“ schien sich da eine viel entspanntere Menschenart entwickelt zu haben. In Berlin, Köln, München und Hamburg war alles toll, total gut, locker und sehr lecker. Das war vor zwanzig Jahren anders, obwohl es zwei Dritteln der Deutschen auch damals gut ging und sie durch eine glückliche Fügung des Schicksals die Wiedervereinigung in den Schoß geworfen bekamen. Dafür mussten die Westdeutschen viel bezahlen, aber dem stand die gewaltlose Demontierung der DDR gegenüber. Historisch gesehen ein Schnäppchen.
In Deutschland ist man viel gewöhnt, wenn es um das Bezahlen der Rechnung anderer geht. Nach dem Ersten Weltkrieg verordneten die Alliierten den Deutschen Wiedergutmachungsbezahlungen, was ein Gefühl verursachte, einseitig die Schuld zugewiesen zu bekommen für einen Krieg, den die Deutschen nicht wirklich als verloren betrachteten (die deutschen Befehlshaber warfen 1918 selbst das Handtuch in den Ring). Auch wenn die Bezahlungen nicht übertrieben hoch waren, und auch über eine lange Periode verteilt wurden, wurde doch das politische Klima damit vergiftet. Das führte zu einer Reihe von Missgeschicken, von der Besetzung des Rheinlandes bis zur Hyperinflation von 1923 und einem (missglückten) Putsch in einer Bierhalle. Als Ausweg entstand ein finanzielles Netzwerk, wobei Deutschland Geld lieh von Amerika, um an Frankreich und England Schulden zu bezahlen. Diese Länder konnten damit wieder ihre Schulden an Amerika zurückzahlen, eine phantasiereiche Konstruktion, die nach dem Börsenkrach von Wall Street 1929 einstürzte. Der Rest ist Geschichte, die noch immer umhergeistert.
Im Mei 1945 reagierten die Deutschen ganz anders auf ihr Schicksal als 1918, obwohl es ihnen unendlich viel schlechter ging als dreißig Jahre davor. Ihr verwüstetes Land wurde von der Besatzungsmacht in vier Zonen aufgeteilt und stand unter internationaler Vormundschaft. Es herrschte Hunger und Elend; nach der Meinung des Auslands eine gerechte Strafe. Millionen Deutsche verloren Heim und Herd und zogen nach Westen. Das Territorium jenseits von Oder und Neiße, das jahrhundertelang zum deutschen Kulturgebiet gehört hatte, ging an Russland und Polen verloren. Das deutsche Bürgertum war vollkommen bankrott und hatte keinen Pfennig mehr. Die D-Mark, die den Deutschen wieder Selbstvertrauen gab, und sich später zum Symbol der wiedergeborenen Kraft entwickelte, war ein Produkt der Alliierten, die 1948 die drei westlichen Besatzungszonen zusammenfügten. Daraus entstand 1949 die Bundesrepublik. Die DDR wurde ein kommunistischer Polizeistaat, leergeraubt von Moskau.
Die Deutschen wären nie so brav mitgegangen im neuen Europa aus Kohlen und Stahl, wenn sie nicht von ihrer Schuld an zwei Weltkriegen überzeugt gewesen wären. Frankreich noch zum vierten Mal anfallen, Europa zerstören, bis tief nach Russland Raubzüge organisieren, Völkermord: dies wollte man niemals mehr tun. Die Deutschen haben sich inzwischen moralisch revanchiert: politisch, ökonomisch und finanziell. Dabei was es hilfreich, dass das deutsche Potential in der Nachkriegszeit schnell wieder notwendig war, um einen starken westlichen Block gegen die Sowjetunion aufzubauen. Doch macht dies den deutschen Beitrag zur europäischen Stabilitätskultur nicht geringer. Es ist auch erstaunlich, wie schnell die Deutschen wieder in die Gnade ihrer Nachbarn aufgenommen wurden. Denn brauner als Hitler backt man es kaum in der Geschichte.
Die Ausbeutung des Schuldgefühls
Es geht zu weit, zu behaupten, dass die heutige Europäische Union auf die Ausbeutung des deutschen Schuldgefühls gebaut ist. Aber es fehlt nicht viel dazu, wobei man sagen muss, dass deutsche Politiker selbst dies zuerst betrieben haben, und die französische Diplomatie davon diskret und brillant Gebrauch gemacht hat. Die europäische Einheit wurde von West-Deutschen finanziert, so wie man auch Wiedergutmachung bezahlt hat an Israel, Ost-Europa, und sogar die Vereinigten Staaten (während des Golfkrieges 1991). Dazu passt das Opfer der D-Mark, das als Tausch mit Frankreich eingesetzt wurde, um die deutsche Einheit möglich zu machen. Ob dies nötig war, ist nicht sicher, aber Bundeskanzler Kohl fand dies gut für den Frieden in Europa und nahm freiwillig die Initiative. Darüber braucht man gar nicht zynisch sein.
In der angelsächsischen Welt, wo jetzt wegen der Schuldenkrise über das Aufbrechen der Eurozone spekuliert wird, unterschätzt man, wie tief diese Überzeugung bei den Deutschen sitzt. In London und New York, den Hauptstädten des Weltkapitalismus, kann man sich ganz einfach nicht vorstellen, dass nationale Autonomie freiwillig aufgegeben wird. Aber mit der Wiedervereinigung gewann Deutschland nationale Souveränität. Die Münzunion sollte nach deutschem Modell mit einer unabhängigen Bank organisiert werden. Aber die Übernahme der DDR-Wirtschaft erwies sich für die deutsche Wirtschaft als eine größere Belastung als man vorhergesehen hatte, und mit den Kriterien für den Zutritt zur Münzunion wurde geschummelt, nachdem der Euro auch in Deutschland eingeführt worden war. Unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer, freien Geistern von ‘68, die der Meinung waren, dass Deutschland dank ihrer Generation die Nazivergangenheit erst aufgearbeitet hatte, und dafür auch einen gewissen moralischen Kredit einforderten, war die Bundesregierung noch europafreundlich, aber nicht mehr so diszipliniert. Dann ist es auch schwerer, andere Staaten zur Disziplin zu mahnen.
Man muss sich auch fragen, ob das Übertragen des strengen perfektionistischen deutschen Modells auf alle EMU-Teilnehmer realistisch war. Die südeuropäischen Länder kennen eine andere Kultur und lassen sich gerne von den stärkeren Ländern mitschleppen, und entbehren dadurch finanzielle Selbstdisziplin. Der Euro konnte nichts anderes sein als ein Kompromiss zwischen Deutschland und Frankreich, was das Zinsendiktat der deutschen Bank verwässerte. Zwar ist das Streben nach Preisstabilität auch ein Hauptanliegen für die europäische Bank, aber eine solche Kultur muss wachsen, und das besonders in Ländern, die mit dieser Kultur noch nicht vertraut sind, und die leicht Geld leihen können. Dies haben wir im Jahr 2010 feststellen können, als gnadenlos ans Licht kam, dass die Mittelmehrländer ihre Finanzen nicht unter Kontrolle haben. Weil nordeuropäische Banken bis über beide Ohren in südeuropäischen Schulden stecken, sind auch finanziell starke Länder verpflichtet mit Kreditgarantien für Länder einzustehen, die sonst ihre Verpflichtungen nicht einlösen können. So ist eine europäische Schuldengemeinschaft entstanden, die Deutschland immer verhindern wollte.
Wer im vergangenen Jahr Frau Merkel – Frau Nein- auf die Bremse treten sah, muss auch daran denken, dass Deutschland (gefolgt von den Niederlanden, die sich immer gerne an den „stärkeren“ Ländern orientieren) in den Jahren davor nicht gut genug auf die Disziplin der Eurozone aufgepasst hat. Jetzt finden bail-outs statt, Schuldenübernahmen durch Staaten, die nach den ursprünglichen Verträgen niemals stattfinden dürften. In der angelsächsischen Welt wird gedacht, dass Deutschland das nicht will, aus Heimweh nach der D-Mark bei hart arbeitenden Steuerzahlern, und aus Wut über den Betrug der Griechen und anderer mediterranen Staaten. Aber die Eurokrisis ist nun mal nicht die Schuld von Deutschland, sondern die Schuld des amerikanischen Casinokapitalismus und südlicher Verschwender.
Schuldgemeinschaft
Vor der nationalen Bühne muss Merkel unnachgiebig sein. Aber hinter den Kulissen kauft Jean Claude Trichet, der französische Präsident der unabhängigen Europäischen Bank in Frankfurt, weiterhin souverän die Schuldenpapiere der schwachen Euroländer. Hier entstehen unbemerkt die Konturen einer europäischen Verwaltung, der Deutschland selbst nie zustimmen würde und wofür Frankreich nie supranational genug war. Dies passt zur „europäischen Methode“, wobei sich der Integrationsprozess durch technische Notsprünge fortbewegt. Niemand will eine Schuldengemeinschaft (auch nicht die schwachen Länder, die jetzt merken, dass die Teilnahme am Euro ihren Preis hat). Diese Schuldengemeinschaft sorgt für eine Schicksalsverbundenheit, die schwer aufgelöst werden kann. Gerade weil dieser Zustand so wenig ideal ist, zwingt er zum Realismus. Das heißt, dass alle Parteien Ansprüche zurückschrauben müssen. Scheinbar ist man sich einig, dass die Eurozone sich der engen deutschen Zwangsjacke anpassen muss, aber die europäische Praxis hat gezeigt, dass es ohne romanische Anpassungsfähigkeit und Klagen nicht geht.
Darüber kann man sich ärgern. Aber ich denke, dass Deutschland aus eigenem Antrieb die Eurozone nicht aufbrechen wird, weil man dann die Schuld bekommt für das Brechen des Bandes mit Frankreich, in das man so viel investiert hat. Man könnte selbst eine Erleichterung der historischen Last darin sehen, wenn andere Länder bei Deutschland Schulden machen und ihre Pflicht vernachlässigen. Eine ironische Wende des Schicksals. Deutsche, die sich flexibel und nachgiebig verhalten, passen auch besser zu der Diplomatie der Nachkriegszeit, und dem „Locker“ und „Lecker“, die von dem „neuen Deutschland“ eines der angenehmsten Länder Europas gemacht haben. Hier scheint eine hedonistische Sonne.
Und der Wutbürger, der so typisch Deutsch nach Unterbauch und Stammtisch riecht? Dieses Wort scheint mir ein phantastischer Name für eine Biermarke, mit der man 2014 – hundert Jahre nach dem Ausbruch eines frisch-fröhlichen Krieges, der auf einen europäischen Alptraum hinauslief- in München das Oktoberfest bereichern kann.“
